C is for convergence… but is it really in comics?

Gern wird der Comic als Medium der Konvergenz, als Ort der ästhetischen Verschmelzung schlechthin gesehen.  Im Workshop unter der Leitung von Ole Frahm und Andreas Stuhlmann galt es am Mittwoch zu untersuchen, wie belastbar dieser Standpunkt wirklich ist.

Konvergenz wurde dabei verstanden als ein ästhetischer Prozess auf den Ebenen von Produktion und Rezeption. Weithin wird der Comic als Modellfall einer solchen Konvergenz gehandelt, bei dem die semiotischen Systeme von Schrift und Bild im Sinne einer gemeinsamen Aussage verschmelzen. Beispielhaft ist  Scott McClouds „Understanding Comics“ (1993): McCloud bedient nicht nur das gängige Klischee des Konvergierens von Bild und Text, er beschreibt auch „Closure“ („Induktion“ in der dt. Übersetzung) als einen quasi-magischen Prozess, in dem aus den einzelnen Panels einer Bildergeschichte eine Einheit entsteht – wobei das jeweils nicht-gezeigte vom Leser imaginiert wird.

Eine Argumentation, die sich auch hinterfragen lässt: selbst die von McCloud aufgeführten Beispiele sind nicht immer eindeutig. Welches Einzelbild induziert welche eindeutige Imitation von Zeit, Raum, Bewegung? Wie verhalten sich die verschiedenen Zeichenrepertoires des Comics (Schrift, Bilder, Sprechblasen, die Panelstruktur) zum Leseprozess? Bleibt es nicht letztlich dem Leser  überlassen, hier einen übergreifenden Zusammenhang zu stiften? Und steht nicht also folgerichtig gegen sie vermeintliche Konvergenz auf semiotischer Ebene eine – potentiell unendliche – Vielzahl divergierender Lektüremöglichkeiten? Diesen Fragen sollte in Arbeitsgruppen nachgegangen werden. Für sieben Beispiele aus der Comicgeschichte galt es zu untersuchen, wie im konkreten Fall eine Konvergenz auf ästhetisch-semiotischer Ebene hergestellt wird, welche divergierenden Lektüremöglichkeiten es gibt und wie sich der jeweilige Comic zu einer Adaption verhält. Untersucht wurden:

George Herrimans Krazy Kat, dass anhand einer vermeintlichen Horizontlinie und mit sparsamem Einsatz von Text eine Welt etabliert, die schlussendlich wieder gebrochen wird. Kein einfacher, aber ein cleverer Comic, bei dem sich zwar Schrift und Bild ähnlich werden, der aber auch eine Vielzahl von Lesarten zulässt – und der nicht zuletzt auf einer Metaebene seine eigenen ästhetischen Bedingungen reflektiert.

Hergés Tintin, dass im behandelten Fall in drei Fassungen von 1926, 1930 und 1950 die Geschichte eines scheiternden Überfalls erzählt. Dabei lässt sich beobachten, dass die eher frühen Versionen eher sprachlich explizieren, während die Fassung von 1950 mit mehr Einzelbildern einen dramatischeren, „visuelleren“ Stil verfolgt. Insgesamt lässt Hergés Tintin-Figur dabei weniger divergierende Lektüren und Mehrdeutigkeiten zu.

Superman, hier untersucht sowohl als Comicstrip im Veröffentlichungskontext einer Tageszeitung wie auch als eigenständige Comicfassung. Konvergenz ergibt sich hier vor allem durch zahlreiche visuelle Mittel, mittels derer Zeit und Bewegung dargestellt werden. Dass in der Sonntagsstrips der Tageszeitungen zahlreiche Nebenhandlungen des Comicheftes wegfallen, zeigt, dass der jeweilige Veröffentlichungskontext seine Spuren in der konkreten Erzählung hinterlässt – wobei Superman offenbar generell handlungsorientiert gelesen wird, was weniger Raum für eigene Assoziationen und Überlegungen zulässt.

Der Manga Astroboy von 1961, in dem der Nachbau eines toten Sohnes als Roboter durch einen Wissenschaftler erzählt wird. In der Filmadaption von 2005 ist die Figur dieses Wissenschaftlers offenbar sympathischer dargestellt. Der Comic zeigt schnelle, dynamische Bewegungsprozesse und verwendet Mittel wie Schweißperlen und extreme Gesichtszüge zur expliziten Darstellung von Emotionalität.

Art Spiegelmanns Maus, dessen Aufarbeitung des Holocaust sich auf verschiedene Quellen stützt: Tonbandaufzeichnungen von Spiegelmanns Vater, der das Konzentrationslager überlebt hat, fließen in die Comicerzählung ebenso ein wie die Erinnerungsskizzen aus dem Buch des Alfred Kantor. Dabei stehen verschiedene Formen des Erinnerns – Sprache/Schrift und Bild nebeneinander und billden gleichzeitig gemeinsam eine umfassende Erzählung des Holocaust.
(Umfassende Informationen zu Spiegelmanns Maus bietet Ole Frahms Dissertation Genealogie des Holocaust. Art Spiegelmanns Maus.)

Marjane Satrapis Persepolis und seine Filmadapton – beide erzählen die Geschichte der islamischen Revolution im Iran. Dabei spannt der Comic einen größeren politischen Rahmen, aus dem der Film entsprechende inhaltliche Bruchstücke übernimmt und sie um filmspezifische Darstellungsmittel (Musik, Akzent, Voice-Over-Narration) ergänzt. Der Zeichenstil der Comicverfilmung wird dabei zwar aufgegriffen; es ergeben sich aber insbesondere auf der inhaltlichen Ebene Divergenzen.

Jens Harders Alpha…directions, dass die Evolutionsgeschichte und ihre Verhandlung in verschiedenen Kulturen in bildlich aufbereitet. Dabei lassen sich viele verschiedenen Bezugnahmen – auf Hieronymus Bosch, Plakate, usf. – wiederfinden. Text gibt es kaum. Also kein Comic? Auf jeden Fall wurde Harders Werk in den Feuilletons als der Comic des Jahres gehandelt.

Fest steht: Viele Comics, viele verschiedene Strategien des Zusammenspiels von Schrift und Bildern in abermals vielen verschiedenen Formaten und Erscheinungsweisen. Ist der Comic nicht also ein Medium der Divergenz?

von Sebastian Bartosch

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