Mittwoch, 28. Juli

10:00 Uhr – Partizipation als Praxis und Legende der neuen Medien
Gastvortrag: Dr. Mirko Tobias Schäfer, Universität Utrecht

Bereits mit der erfolgreichen Diffusion des World Wide Webs in den 90er Jahren wurden Computertechnologie und Internet als Technologien bürgerlicher Emanzipation und kultureller Partizipation gefeiert. Auch die populären Applikationen des sogenannten Web 2.0 betonen diesen Aspekt der Technologie. Und tatsächlich scheinen die kollaborativen Produktionsprozesse, die kollektive Wissensproduktion und deren egalitärer Charakter eine neue Partizipationskultur zu etablieren. Die kulturelle Produktion im sogenannten Web 2.0 wird oft enthusiastisch als die Leistung einer Vielzahl individueller Anwender zelebriert. Dabei wird generell eine durch Technik konstituierte Evolution vom passiven Konsumenten zum aktiven Produzenten unterstellt. Mein Beitrag will unser Verständnis dieser Partizipationskultur diskutieren: Im populären Diskurs wird der Technologie ein Emanzipationspotential zugewiesen, die eine Revolution der Machtstrukturen in der Medienproduktion unterstellt. Eine genauere Analyse der Technologie und der Medienpraktiken wirft jedoch die Frage nach den soziotechnischen Dimensionen auf. Hierbei wird deutlich, daß Medienpraktiken als explizite und implizite Partizipation zu verstehen sind, die durchaus auch auf der Ebene des technischen Designs ermöglicht, erschwert oder gesteuert werden können. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern ist die kulturelle Produktion und soziale Interaktion in Web-Applikationen das Ergebnis von technischen und sozialen Programmierprozessen?

11:30 Uhr – Wer schreibt, der bleibt: Praxisworkshop Bloggen II
Leitung: Johanna Leuschen, M.A., Graduate School Media & Communication (GMaC)
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14:30 Uhr – Ästhetische Konvergenzen
Vortrag: Prof. Dr. Knut Hickethier, Universität Hamburg
> Text zum Vortrag von Charles Nouledo

Der eher in der Kommunikationswissenschaft beheimatete Begriff der Konvergenz soll hier auf den Bereich des Ästhetischen, also der Gestaltung der medialen Oberflächen und der Wahrnehmung ausgeweitet und zugleich in seiner Tragweite diskutiert werden. Dabei geht es auch um verwandte Begriffe wie die der Intermedialität und Transmedialität. Prozesse des Zusammengehens (aber auch des Auseinandergehens) von medialen Erscheinungsweisen und damit verbundenen Praktiken werden an Beispielen erörtert. Ziel ist eine systematisierende Übersicht, eine historische Typologie.

16:00 Uhr – GMaC presents Cultures of Convergence
Brendan Erler, M.A., Jana Tereik, M.A., Graduate School Media & Communication (GMaC)

Beide Referenten arbeiten an einem Dissertationsprojekt im Bereich der in der Tradition von Foucault stehenden Diskursanalyse. Die Diskursanalyse in diesem Sinne versteht Sprache als gesellschaftliches Handeln und untersucht, wie sich über Sprache Wissen und bestimmte Perspektiven auf einen Sachverhalt (wie z.B. das Urheberrecht oder den Klimawandel) formieren und wie bestimmte Positionen über Sprache durchgesetzt werden. Die linguistische Diskursanalyse, wie sie hier von Jana Tereick vorgestellt wird, richtet dabei einen sehr detaillierten Blick auf einzelne sprachliche Formen und die verschiedenen Möglichkeiten, ‚Wirklichkeit‘ auszudrücken, die sie eröffnen. Wie alle diskursanalytischen Ansätze wird auch sie durch konvergierende Medienumgebungen vor besondere Herausforderungen gestellt: Gesamtgesellschaftliche Diskurse werden zunehmend crossmedial und multimedial geführt. Der Vortrag präsentiert erste Schritte hin zu einer Analyse solcher Diskurse. Die von Brendan Erler angewandte eher sozialwissenschaftlich geprägte Form der Diskursanalyse fokussiert sich weniger auf einzelne sprachliche Formen und Stilmittel, sondern legt größeren Wert auf den Kontext von Diskursen und die im Diskurs offenbar werdenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Dabei bewegt sie sich im Spannungsfeld zwischen kritischer Diskursanalyse, Wissenssoziologie und cultural studies. Dies soll an den Diskursen zu den Effekten der Digitalisierung auf die Musik- und Literaturbranche anschaulich gemacht werden, wobei Fragen technischer wie inhaltlicher Konvergenz ein besonderes Augenmerk geschenkt wird.

17:00 Uhr – Comic. Medium der Divergenz
Workshop: Dr. Ole Frahm, Muthesius Kunsthochschule Kiel und Dr. Andreas Stuhlmann, Zentrum für Medien- und Kommunikationsforschung/Research Center for Media and Communication (RCMC)
> Text zum Workshop von Sebastian Bartosch

Der Comic gilt als ein Musterbeispiel für Konvergenz, als eine ästhetische Verschmelzung von Schrift und Bild, Literatur und bildender Kunst, von Zeitung und Bildergeschichte in ein neues Medium. Dabei ist das Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild weitaus spannender und gerade dort, wo der Comic als „graphic novel“ unter die Belletristik subsumiert werden soll, weisen die beiden Zeichensysteme ein hohes Maß an ästhetischer Divergenz auf, die den Comic eben gerade nicht als eine Summe sich harmonisch ergänzender Anteile, sondern als Medium der Differenz, der Verstreuung, endlich der Divergenz kenntlich machen. Anhand historischer Beispiele beschäftigen wir uns in Arbeitsgruppen mit der Mediengeschichte des Comics, mit der ihm unterstellten Konvergenz und den Strategien der Divergenz, die wir ihm ablesen können.